Tacho mit 101 Kilometern

101 Kilometer mit dem elektrischen Kickscooter durch Kassel

Ein Kickscooter Erfahrungsbericht

Der Frühling 2021 ist noch nicht alt, das Wetter wird besser und die Leute trauen sich mit allerlei Mobilitätshilfen in die Öffentlichkeit. NIU bringt in der zweiten Jahreshälfte 2021 auch endlich seinen Kickscooter, daher wollte ich vorab Erfahrungen sammeln, wie es sich mit einem solchen Fahrzeug im Straßenverkehr anfühlt und auf was man achten muss. Am 18. Juni 2021 findet zudem in Kassel am Kulturbahnhof eine große Veranstaltung zum Thema Kickscooter statt, auf der wir natürlich auch präsent sein werden. Da ist es von Vorteil, wenn man etwas Ahnung hat, wovon man spricht.

Meine Fahrzeugwahl

Auf der ISPO 2019 habe ich zusammen mit meinem Kollegen Kai viele Kickscooter Angebote kennengelernt, die in jenem Jahr ihre offizielle Straßenzulassung bekommen sollten. Kickscooter waren das Thema der ISPO 2019. Wie überall bei Goldgräberstimmung werde ich damit nicht richtig warm. Am meisten zugesagt hatte mir damals das Angebot von The Urban. Die machen das schon länger, statten auch Kreuzfahrt-Reedereien mit Kickscooter-Flotten aus und achten auf Reparierbarkeit und eine gewisse Grundqualität ihrer Fahrzeuge. Damit sind die alle aber nicht ganz billig. Ende 2020 zum Weihnachtsgeschäft war von der Goldgräberstimmung nicht mehr viel übrig, so gelang es mir für einen Preis einen solchen Kickscooter zu erwerben, bei dem man nicht mehr “Nein” sagen kann.

Kickscooter vor einer Haustür

Kickscooter The Urban #RVLTN vor einer Haustür

Es wurde dann also erstmal ein ehemaliger Testsieger der Stiftung Warentest. Die Erfahrungsberichte sind eher so “naja”, was aber zum größten Teil daran liegt, dass die Gier das Hirn frisst und die Anleitung nicht gelesen wird. Das Vorderrad hat ein Ventil und möchte mit möglichst viel Luft gefüllt werden, dann hält auch der Schlauch.

Typische Fahrtstrecke

Nun bin ich also mit 8,5″-Reifen unterwegs und komme mit voller Zuladung etwa 12-15 Kilometer weit. Das schränkt zusammen mit der Fahrgeschwindigkeit von 20km/h etwas ein, aber Kassel ist ja nicht so groß. Die meisten Wege spielen sich von und zur Arbeit ab, das sind je Richtung etwa 3 Kilometer. Manchmal besuche ich noch Verwandte, da geht es dann etwas mehr zur Sache mit knapp 8 Kilometern, davon die Hälfte ordentlich bergauf in einer Richtung. Kassel hat kein Herz für langsame Verkehrsteilnehmer, aber durch die Stadt kommt man doch erstaunlich gut, wenn man sich auskennt und die Hauptverkehrsstraßen meidet.

Positive Erlebnisse mit dem Kickscooter

Mir ist im Lauf der Zeit so aufgefallen, dass man recht schnell zum Ziel kommt, wenn man seinen Weg kennt. Manchmal sind die Radverkehrsführungen etwas verschlungen. Neue Wege erfordern viel Aufmerksamkeit, um nicht in Schlaglöchern oder schnellerem Verkehr hängen zu bleiben. Zudem möchte ich mich zumindest an die Verkehrsregeln halten und anderen Menschen möglichst wenig auf den Geist gehen mit diesen Bordsteinplagen. Das freut die Fußgänger im Allgemeinen sehr. Ebenfalls ist die Handhabung wirklich einfach und simpel. Den Klappmechanismus hat man nach zwei Fahrten so verinnerlicht, dass man den auch im Schlaf beherrscht. Und normalerweise muss ich auch mit dem Roller einen geeigneten Parkplatz finden; der Kickscooter jedoch kommt mit in die Wohnung oder steht dann im Laden irgendwo in der Ecke, meist in der Nähe einer Steckdose.

Gemischte Gefühle

Nach ein paar Fahrten zeigt sich die wahre Qualität. Zugegeben – ich malträtiere den armen Scooter schon sehr. Mit konstant 20-30 Prozent über seiner maximalen Zuladung muss das Teil schon etwas aushalten. Die Straßen sind auch nicht die Besten, auch wenn ich aus Eigeninteresse die gröbsten Schlaglöcher bereits umfahre. Bei Kilometer 70 habe ich die erste Inspektion erledigt, weil mir einige Sachen auf die Nerven gegangen sind. Das Frontlicht musste erstmal spielfrei montiert werden, weil es sonst fröhlich in seiner Steckaufnahme vor sich hin rappelt. Die Bremszüge habe ich eingestellt, den Reifendruck nochmal justiert – das sollte man regelmäßig tun um nicht mit einer Panne liegen zu bleiben.

Warum ich doch lieber Elektroroller fahre

Manche Nachteile lassen sich nicht abstellen. Mir scheint, dass andere Verkehrsteilnehmer alle Verkehrsregeln vergessen, wenn sie auf dem fahrrad unterwegs sind. Da wird wild über die Plätze gekreuzt, in Schlangenlinien und im Gegenverkehr gefahren. Manchen sieht man auch an, dass ihnen ihr Pedelec vollkommen außer Kontrolle geraten ist. Ich selbst muss mich ja hüten, denn mit dem EkfV-Kennzeichen bin ich jederzeit identifizierbar. Und mit 20km/h ist eine Flucht selbst vor Fußgängern recht aussichtslos. Aber so weit wollen wir es gar nicht erst kommen lassen. Man muss auch immer bedenken, dass man selbst alles muss, was ein Fahrradfahrer darf. Gibt es eine Radverkehrsfläche, muss man die benutzen. Mehr Infos zum Thema, was erlaubt ist und was nicht gibt es auf den Seiten des Bundesverkehrsministeriums.

Technische Hürden

Kassel hat viele Steigungen. Für die schwachen Motörchen ist das weniger lustig. Lange Anstiege werden damit schon zur Quälerei und man sollte sich dafür Wege suchen, die wenig frequentiert und frei von Autoverkehr sind. Bei den zahlreich vorhandenen Straßenbahnschienen und ihrer Begleiterscheinungen wie ausgebrochene Bitumeneinfassungen und schiefe Betonplatten muss man auch sehr wachsam sein um sich nicht mit der Nase auf dem Boden zu befinden. Für Radfahrer freigegebene Fußwege oftmals gepflastert und lassen das Gebiss vibrieren. Zudem ist der Geschwindigkeitsunterschied zum Fußverkehr schon enorm. Schnell tritt jemand aus einem Hauseingang oder einer Einfahrt hervor. Man wird ja auch nicht gehört, wenn man nicht gerade laut klingelnd durch die Gegend fährt.

Mein Fazit nach 101 Kilometern Kickscooter

In Deutschland und speziell in Kassel ist die Zeit noch nicht reif für die Kickscooter. Es braucht ein großes Maß an Eigenverantwortung um sich selbst nicht unglücklich zu machen. Man braucht für die Fahrzeuge zwar keinen Führerschein, bei Verkehrsverstößen – insbesondere mit Unfallfolge – ist man aber auf jeden Fall dran. Das abstellen gestaltet sich ebenfalls als schwierig, wenn man den Kickscooter später noch sein Eigen nennen will, denn selbst mit Schloss muss man etwas kreativ sein um das Fahrzeug irgendwo anzuschließen. Vor Vandalismus schützt das aber auch nicht.

Ich selbst bin mit meiner Fahrzeugwahl zufrieden, zumal der Einstandspreis sehr gering war. Aber ohne handwerkliches Geschick und Werkzeug ist man bei einem platten Reifen als Laie aufgeschmissen. Ebenso bei technischen Defekten. Wer da im Internet zugeschlagen hat und dann eine Werkstatt sucht, wird eigentlich überall abgewiesen, auch bei uns. Wir können keine Gewährleistung auf Arbeit und Teile geben, wenn wir weder Dokumentation noch Zugang zu Teilen haben. Und ohne Gewährleistung können wir nicht tätig werden.

Bis die neuen NIUs kommen, bleibt der Kickscooter in Kassel leider eine Einbahnstraße für den Sondermüll. Eine vermeintlich gute Idee mit grünem Mantel stellt sich in Wahrheit als großer Umweltfrevel heraus. Ich bleibe dann wieder bei reparierbaren Fahrzeugen, die im Stadtverkehr auf der Straße den Fußgängern und Radfahrern nicht vor die Nase fahren und den Autos ebenbürtig sind.

0 Kommentare

Hinterlasse einen Kommentar

An der Diskussion beteiligen?
Hinterlasse uns deinen Kommentar!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.